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Sonntag, 27. September 2015

WIE DEMAGOGISCHE KOMMUNIKATION FUNKTIONIERT

Liste der 100 Muster
Walter Ötsch
Haider light. Handbuch für Demagogie
Czernin Verlag, Wien (2000)
HC Strache agiert in Details zwar anders als Haider, die meisten der nachfolgend angeführten Muster sind aber auch bei Strache leicht nachzuweisen.
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I. Erfinden Sie ein einfaches Weltbild
1. Predigen Sie etwas Einfaches
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2. Teilen Sie die (soziale) Welt in zwei Teile: in DIE WIR und in DIE ANDEREN
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3. Reduzieren Sie alles auf eine Kernbotschaft
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4. Definieren Sie DIE WIR als bedroht
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5. Definieren Sie DIE ANDEREN als Bedrohung
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6. Erfinden Sie neue Begriffe für DIE WIR und DIE ANDEREN
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7. Belegen Sie DIE WIR und DIE ANDEREN mit eindeutigen Eigenschaften
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8. Bleiben Sie konsequent: Keine Ausnahme im Schwarz-Weiß-Spiel
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9. Vereinfachen, vereinfachen, vereinfachen
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10. Ihre Zielgruppe gehört immer zu DEN WIR
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11. Ändern Sie je nach Bedarf die Zuordnung zu DEN WIR und DEN ANDEREN
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12. Geben Sie sich selbst die Rolle des SUPER-WIR
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13. Für SUPER-WIR nur die besten Eigenschaften
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14. Propagieren Sie ein Selbst-Bild in Kontrast zu DEN ANDEREN
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15. Geben Sie SUPER-WIR eine Außen-Position
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16. Geben Sie sich unfehlbar. Geben Sie niemals einen Fehler zu
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17. Bei Angriffen: Wechseln Sie blitzschnell in die Opfer-Rolle
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18. Erfinden Sie Sünden-Böcke
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19. Erklären Sie Ihr Welt-Bild durch (erfundene) Einzel-Fälle
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20. Vergleichen Sie die Birnen DER ANDEREN mit den Äpfeln DER WIR
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21. Ignorieren Sie Statistiken, erfinden Sie Zahlen
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22. Beschränken Sie Ihre Agitation auf wenige Themen
II. Werden Sie Gefühlsmanager
23. Verwenden Sie eine gefühlvolle Sprache
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24. Bringen Sie Sach-Probleme auf eine persönliche Ebene
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25. Polarisieren Sie. Erfinden Sie für alles unüberbrückbare Gegensätze
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26. Verwenden Sie suggestive Wort-Kombinationen mit hohem Gefühlswert
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27. Erfinden Sie neue Schimpfwörter für DIE ANDEREN
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28. Führen Sie persönliche Angriffe auf namentlich genannte ANDERE
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29. Schmähen Sie den Namen Ihres FEINDES
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30. Verspotten Sie körperliche Merkmale Ihrer FEINDE
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31. Bezeichnen Sie DIE ANDEREN als Tiere
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32. DIE WIR und DIE ANDEREN ohne jede weitere Unterscheidung
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33. Regen Sie Gewalt-Phantasien in Bezug auf DIE ANDEREN an
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34. Erfinden Sie gewalttätige Ereignisse
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35. Drohen Sie DEN ANDEREN
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36. Kein Mitleid mit DEN ANDEREN
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37. Unterstellen Sie DEN ANDEREN immer schlechte Motive
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38. Unterstellen Sie DEN ANDEREN jedes Verbrechen
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39. Kommentieren Sie »Unerfreuliches« für DIE WIR mit Sach-Sprache
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40. Verteidigen Sie die Hass-Sprache des SUPER-WIR mit Sach-Sprache
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41. Reden Sie von DEN WIR in Liebes-Sprache
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42. Geben Sie herkömmlichen politischen Begriffen eine neue Bedeutung
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43. Bezeichnen Sie das Tun DER ANDEREN als Missbrauch
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44. Wiederholen, wiederholen, wiederholen
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45. Verknüpfen Sie Dinge, die eigentlich nicht zusammengehören
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46. Propagieren Sie Zwänge. Sprechen Sie von »müssen, sollen, nicht können …«
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47. Verwenden Sie Vorannahmen, um Ihr Welt-Bild zu predigen
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48. Erzählen Sie Geschichten
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49. Verwenden Sie Metaphern, Gleichnisse, bunte Bilder …
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50. Sprechen Sie Mythen an
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51. Erfinden Sie Autoritäten und Fakten, um Ihre Argumente zu stützen
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52. Wecken Sie Gefühle durch (erfundene) Zitate
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53. Setzen Sie gezielt Symbole mir hoher Gefühlswirkung ein
III. Schaffen Sie sich eine sektenähnliche Organisation
54. Entwerfen Sie für Ihre Organisation ein sektenähnliches Ideal-Bild
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55. Umgeben Sie sich mit einer kleinen Schar absolut Getreuer
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56. Fordern Sie Unterwerfung
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57. Verkündigen Sie Paradoxa
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58. Verwirklichen Sie in Ihrer Organisation ein Rotationsprinzip
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59. Schaffen Sie sich eine schnelle Eingreiftruppe
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60. Geben Sie sich ein Durchgriffsrecht auf die gesamte Organisation
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61. Geben Sie sich ein Willens-, Wissens- und Erklärungsmonopol
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62. Fordern Sie Loyalität. Seien Sie illoyal
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63. Demütigen Sie Abtrünnige
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64. Verleihen Sie sich selbst mehrere Image-Bilder. Ignorieren Sie Widersprüche
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65. Verschleiern Sie eigene Skandale, solange es geht
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66. Bei drohenden Skandalen: Kritisieren Sie vorbeugend die eigenen Leute
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67. Bei Ausbruch eines Skandals: Gehen Sie auf Tauchstation
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68. Drohen Sie mit Rücktritt
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69. Zur Dämpfung eines Skandals: Setzen Sie symbolische Aktionen
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70. Verstoßen Sie Skandal-Träger als ANDERE
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71. Zur Überlagerung eines eigenen Skandals: Skandalisieren Sie DIE ANDEREN
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72. Trennen Sie das Image des Guru vom Image der Organisation
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73. Übernehmen Sie keine Verantwortung
IV. Führen Sie
74. Gleichen Sie sich Ihrer Ziel-Gruppe an
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75. Klopfen Sie kurze Sprüche mit hohem Aufmerksamkeitswert
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76. Sprechen Sie Tabus an
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77. Erregen Sie Aufsehen durch Nazi-Sprüche
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78. Verbreiten Sie vor einem Angriff Harmonie-Stimmung
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79. Erheben Sie einen Vorwurf. Kündigen Sie Beweise für später an
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80. Emotionalisieren Sie termingerecht
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81. Setzen Sie das Prinzip des Vertrauens (teilweise) außer Kraft
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82. Erheben Sie lauthals Beschuldigungen
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83. Lügen Sie
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84. Nehmen Sie Aussagen Ihrer FEINDE wortwörtlich
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85. Kündigen Sie zur Bekräftigung Ihrer Argumente eine Klage an
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86. Dementieren Sie, was Sie wollen
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87. Bei Angriffen: Gehen Sie sofort zum Gegenangriff über
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88. Schweigen Sie Argumente Ihrer Feinde tot
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89. Ändern Sie willkürlich den Bedeutungsrahmen Ihrer Aussagen
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90. Leugnen Sie jedes Muster
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91. Werfen Sie den FEINDEN das vor, was Sie gerade tun
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92. Geloben Sie Besserung
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93. Unterschreiben Sie jede positive Absichtserklärung
V. Übernehmen Sie die Macht
94. Verbreiten Sie Verschwörungsmythen
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95. Planen Sie langfristig eine radikale Änderung des politischen Systems
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96. Stellen Sie jede moralische Autorität in Frage
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97. Brechen Sie ungeschriebene Regeln der Demokratie
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98. Eskalieren Sie
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99. Bündeln Sie Ihre FEINDE
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100. Bereiten Sie den Mega-Hype vor
Quelle: Walter Ötsch
Haider light. Handbuch für Demagogie
Czernin Verlag, Wien (2000)

Kommentare:

  1. Folgen des demagogischen Panoramas

    Das Bild einer in zwei Teile gespaltenen sozialen Welt besitzt viele Implikationen. Vier davon sind:

    1 die Verwendung einer strikt normierte Sprache, bei der „Die Wir“ immer und ausschließlich als gut, „Die anderen“ immer und ausschließlich als böse bezeichnet werden. Dazu dienen eigene Wortschöpfungen, wie „Systemparteien“, „Politbonzen“, „Privilegienritter“, usw. „Die Wir“ erscheinen dabei immer als Opfer, „Die anderen“ immer als Täter, selbst wenn sie zu Schaden kommen (man spricht von Opfer-Täter-Umkehr). (Viele Beispiele für demagogische Sprache finden sich in Ötsch 2002a.)

    2 Ein Politikansatz, der im Kern aus sechs Bestandteilen besteht:
    - Das Ansprechen von Problemen. Populisten sprechen oft Probleme an, die andere Parteien nicht thematisieren. Auf diese Weise bekommen sie einen diskursiven Vorteil und erscheinen glaubwürdiger. Z.B. hat die langjährige Verweigerung der großen Parteien in Österreich über Probleme der Integration zu sprechen, den rechten Populismus nachhaltig gefördert (ähnliches geschieht heute zu Problemen des Sozialstaates, der in meiner Einschätzung durch den „Fiskalpakt“ europaweit bedroht ist.)
    - Das Anheizen von Gefühlen. Dies geschieht oft durch das Erzählen von Geschichten über Einzelfälle, oft mit erfundenen Zahlen und verzerrten Darstellungen.
    - Die Verbindung mit dem demagogischen Welt-Bild. Die Einzelfälle werden verallgemeinert und als Eigenschaften der ganzen Gruppe der „Die“ hingestellt.
    - Die Nennung von Sündenböcken, d.h. die „Erklärung“ der genannten Probleme.
    - Die Verheißung einer Besserung. Dazu preisen sich der oder die PopulistIn als RetterIn an.
    - Der Entwurf einer besseren Zukunft. Für den Fall, dass die vorgeschlagene Abhilfe (den bedrohlichen Einfluss der „Anderen“ zurückzudrängen) befolgt wird, wird ein positives Bild der Zukunft gemalt. (Frank Stronach hat z.B. angekündigt, er würde Österreich „zum höchsten Lebensstandard auf der ganzen Welt“ führen, nach Fürweger 2013, 154).

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  3. Folgen des demagogischen Panoramas, Teil 2

    3 Ein autoritäres Organisationsprinzip, das sich direkt aus dem Bild einer zweigeteilten Welt ergibt: Die Einteilung der Bevölkerung nach „Wir“ und „Die“ ist nämlich reine Willkür. Sie beruht auf keinen Fakten, sondern auf einer im Kern beliebigen Interpretation. Die schlechten Charaktereigenschaften der „Die“ werden durch gezielte (oder erfundene) Einzelbeispiele „belegt“. Dabei werden die verwerflichsten Mitglieder angeführt (das könnte man mit jeder Gruppe in der Gesellschaft machen) und von ihnen auf eine fiktive Gesamtheit geschlossen. (Weil manche PolitikerInnen korrupt sind, werden alle PolitikerInnen als korrupt hingestellt.) Ob und wie eine konkrete Person zu den „Wir“ oder zu den „Die“ zu zählen ist, ist dabei nach nachvollziehbaren Kriterien meist nicht sagbar. Ein und dieselbe Person kann einmal in der einen, ein andermal in der anderen Gruppe aufscheinen. In demagogischen „Bewegungen“ kann und darf es keine wirkliche Auseinandersetzung über die Kriterien der Zuordnung einer aktuellen Person geben, – das würde ja die Willkür der absurden Gruppenbildung entlarven.
    Anstelle dessen hat ein „Führer“ oder eine Zentrale zu treten, welche die für das Welt-Bild notwendigen persönlichen Zuordnung durch eine Aktion vornimmt (z.B. eine rüde Beschimpfung der Politiker, ein Markenzeichen von Frank Stronach im österreichischen Wahlkampf 2013). Das bedeutet, dass demagogische Bewegungen notwendig autoritär sein müssen. Dazu wird eine Organisationsform benötigt, die in wichtigen (aber nicht in allen) Zügen an eine Sekte erinnern kann (vgl. Kramer und Alstad 1993). Das Machtzentrum liegt bei einem „Guru“. Er kann – wie dies Frank Stronach wiederholt demonstriert hat – tun und lassen, was er will, und wird dabei von seinem „Team“ unterstützt. Um die zentrale Führungsperson gruppiert sich ein innerster Führungskreis von loyal ergebenen Personen. Sie schützen ihn parteiintern vor Kritik und verteidigen ihn nach außen, – egal, wie skurril seine Aktionen auch sein mögen. Die zentrale Person besitzt damit eine direkte Umgebung, die sie in einer ungeheuren Selbstüberhöhung unterstützt. Der Tag der Bekanntgabe des Teams Stronachs wurde demgemäß angepriesen als „ein sehr wichtiger Tag, der in die Geschichte Österreichs eingehen wird und der auch in die Geschichte der Welt eingehen wird.“ (Der Standard vom 27.9.2012).

    4 Längerfristig kann ein solches Denken eine eigene Dynamik entfalten, weil die willkürlich konstruierte Grenzziehung von „Wir“ gegen „Die“ im Kern auf einen Verschwörungsmythos hinausläuft. Egal, welches Problem auftaucht, immer tragen „die anderen“ die Schuld. Die „EU-Sanktionen“ gegen die österreichische Regierung nach der ÖVP-FPÖ Regierungsbildung im Jahre 2000 z.B. waren für Jörg Haider eine Verschwörung des österreichischen Bundespräsidenten und „der Linken“ mit der EU-Spitze, Untersuchungen und Verurteilungen der Gerichte waren und sind für Berlusconi immer eine Verschwörung von Staatsanwälten und Richtern, der Wahlkampf der SPÖ in Wien im März 2001 war für die FPÖ von einem Berater von der US-Ostküste gesteuert (ein Code für das internationale Judentum), usw.

    VERÖFFENTLICHT VON WALTER OETSCH

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