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Donnerstag, 13. November 2014

Grundsatzprogramm der SJ Österreichs - Teil 4: Frauenpolitik


Die Sozialistische Jugend steht für eine Gesellschaft, in der alle Menschen, egal ob Männer oder Frauen die gleichen Möglichkeiten haben.


Unterdrückung ... immer schon?

Die Geschichte der Menschheit ist geprägt vom Unterschied zwischen Klassen – zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, zwischen arm und reich, zwischen Lohnabhängigen und KapitalbesitzerInnen.
Das Spezielle an der Geschichte der Frauen aber ist die Tatsache, dass sie die am dauerhaftesten, konsequentesten und allumfassendsten unterdrückten Menschen unserer Existenz sind. Und das, obwohl Frauen etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen. Einerseits werden sie – genau wie lohnabhängige Männer – von den Herrschenden der Gesellschaft unterdrückt, die an der Ausbeutung der Menschen zugunsten ihrer eigenen Profitsteigerung interessiert sind.
Andererseits sind Frauen auch innerhalb ihrer eigenen sozialen Schicht, ihrer Klasse nicht gleichberechtigt, egal ob diese nun herrscht oder beherrscht wird.

Ohne die kostenlose bzw. billige Arbeitskraft, die Frauen liefern, wäre ein Aufrechterhalten der bestehenden Gesellschaftsordnung nicht möglich. Während die großen Kulturen des antiken Griechenlands oder Roms auf dem Rücken der Sklavinnen und Sklaven aufgebaut wurden, so wäre eine Entwicklung der fortschrittlichen Gesellschaft, wie wir sie kennen, nicht möglich gewesen, hätte sie nicht zum Großteil auf die kostenlose Arbeitskraft der Frau aufbauen können.

Die totale Gleichberechtigung der Frauen kann in diesem System, das sich stark auf die Unterdrückung und Benachteiligung derselben stützt und davon profitiert, nicht gewährleistet werden.
Solange es Menschen gibt, die andere Menschen unterdrücken und solange es Menschen gibt, die vom Leid anderer Menschen profitieren, solange also das kapitalistische System existiert, solange wird es auch Frauen geben, die in diesem System benachteiligt, ausgebeutet, unterdrückt und getötet werden.

Deshalb sehen wir die vollständige Gleichberechtigung der Geschlechter immer im Zusammenhang mit der Überwindung des kapitalistischen Systems und deshalb muss unser Kampf auch immer den Kampf gegen den Kapitalismus darstellen.
In diesem Kampf gibt es aber viele Schritte, die auch im bestehenden System zur Verbesserung der Situation von Frauen beitragen können. Wir treten offensiv für jede Reform ein, die die Situation der Frauen in diesem System verbessert!


„Wir werden nicht als Frauen geboren...“

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts versuchen Konservative immer wieder uns glauben zu machen, es gäbe „naturgegebenen“ Eigenschaften von Mann und Frau und dass sich die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern daraus ableiten würde. Männer seien dazu geschaffen, das öffentliche Leben zu gestalten, sich in Beruf und Politik einzubringen und die Familie zu ernähren, Frauen dazu, den Haushalt zu führen, Kinder zu versorgen und zu pflegen und die Ehemänner wieder aufzupäppeln, wenn sie erschöpft nach Hause kommen. Von Wenigen wird das heute so direkt gesagt, aber die Grundsätze, die sich daraus ableiten, haben in unserer Gesellschaft bis heute Geltung.

Wir sind überzeugt davon, dass Frauen und Männer nicht von „Natur aus“ verschieden sind. Wir sehen natürlich biologisch eindeutige Unterschiede. Daraus leiten sich aber keine sozialen Eigenschaften oder besondere Verhaltensweisen ab.
Die englische Sprache unterscheidet zwischen "sex", dem biologischen Geschlecht, und "gender", dem sozialen Geschlecht, also der Geschlechtsidentität.
Das soziale Geschlecht ergibt sich aus der Summe jener Eigenschaften, die als typisch weiblich oder typisch männlich angesehen werden. Gender beschreibt schlicht und einfach die gesellschaftlichen Geschlechterrollen, die Vorstellungen und Erwartungen, wie Frauen und Männer sind bzw. sein sollen.
Es sind Identitätskonzepte, die auf Basis des biologischen Geschlechts zugeordnet werden. Es sind Zuschreibungen, die sich verändern können und von Kultur zu Kultur unterschiedlich sind und allen Menschen bis zu einem gewissen Grad anerzogen werden.


... sondern dazu gemacht ...“

- Burschen weinen nicht, Mädchen raufen nicht.
- Burschen dürfen laut sein und müssen lernen sich durch zu setzen,
- Mädchen müssen ruhig und freundlich sein und lieb aussehen.
- Mädchen machen mit den Müttern den Haushalt, während Burschen mit dem Vater das Auto reparieren oder den Rasen mähen.
Wenn wir Zeitungen aufschlagen, wird uns genau das gleiche Bild vermittelt:
- Männer finden sich auf den Politik und Wirtschaftsseiten,
- Frauen eher in der Garten- und Kochecke.
Die Werbung präsentiert uns an jeder Straßenecke wie Frauen auszusehen haben: da geht es um den perfekten Busen und schlanken Bauch. Männer brauchen das nicht. Sie macht angeblich der berufliche Erfolg sexy.

Dass wir mit der unterschiedlichen Erziehung auch unterschiedliche Interessen und Verhaltensweisen erlernt bekommen, steht außer Frage. Die gesellschaftlichen Rollenbilder wirken sich aber nicht nur in Vorurteilen und Klischeedenken aus. Sie sind die Ursache für viele unmittelbare Benachteiligungen, die Frauen im täglichen Leben wiederfahren.


Frauen und Arbeit

Frauen sind insgesamt weniger häufig erwerbstätig als Männer. In Österreich arbeiten knapp mehr als die Hälfte aller erwerbsfähigen Frauen auch tatsächlich in einem Lohnverhältnis, womit Österreich EU-weit an letzter Stelle liegt.
Eine Erhöhung der Erwerbsquote ist nicht nur unerlässlich für ein funktionierendes Sozialsystem, sondern auch die Vorraussetzung für die Eigenständigkeit der Frauen. Lohnarbeit ist die Basis für materielle Unabhängigkeit, darüber hinaus aber auch eine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, mit dem Beruf zu wachsen und eine Identität aufzubauen, die unabhängig von Kindern und Ehemann Geltung hat.
Deshalb treten wir für das Recht von Frauen auf Erwerbsarbeit ein, und vor allem für die Schaffung von Möglichkeiten dieses Recht auch wahrnehmen zu können.

Wenn Frauen einer Lohnarbeit nachgehen, dann verdienen sie durchschnittlich um ein Drittel weniger als ihre männlichen Kollegen in gleichen oder gleichwertigen Berufen.
Einerseits, weil Frauen vor allem im Dienstleistungsbereich arbeiten, während Männer stark in handwerklichen oder produktiven Berufssparten tätig sind.

Von Frauen dominierten Berufssparten sind systematisch unterbezahlt. Andererseits ergibt sich der Lohnunterschied natürlich, weil höhere Positionen fast ausschließlich von Männern eingenommen werden.
Ein wesentlicher Grund hierfür liegt darin, dass Frauen stark in atypischen Beschäftigungsverhältnissen, also Teilzeit oder geringfügig arbeiten. Teilzeitarbeitskräfte gibt es vor allem in Niedriglohn-Bereichen. Das bedeutet nicht nur schlechtere Versicherungsleistungen sondern auch de facto keine Aufstiegsmöglichkeiten.

Sechs von zehn Frauen, die in atypischen Beschäftigungsverhältnissen stehen, geben als Grund dafür die Betreuung von Kindern, anderen Verwandten oder andere familiäre Gründe an. Das ist einer der wesentlichsten Gründe für die Benachteiligung von Frauen am Erwerbsmarkt:
Frauen verrichten drei Viertel ihrer gesamten Arbeitszeit im unbezahlten Bereich. Daraus lässt sich ableiten, dass Frauen in Österreich mehr als die Hälfte der anfallenden Arbeit verrichten, aber nur knapp ein Drittel des ausbezahlten Gehaltes bekommen.

Wird daraus ein Stundenlohn berechnet, bedeutet das, dass eine Männerarbeitsstunde in Österreich mehr als doppelt soviel wert ist, als eine Frauenarbeitsstunde. Auch aus diesem Grund wollen wir die Möglichkeit für Hausfrauen, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Damit soll keineswegs ein „Hausfrauenlohn“ erkämpft, sondern ganz im Gegenteil Bewusstseinsarbeit unter den Frauen sowie in der Öffentlichkeit geleistet und Ziele, wie die Vergesellschaftung der Haus- und Pflegearbeit erreicht werden.

Die Sozialistische Jugend fordert eine Neuverteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Kinderbetreuung und Altenpflege sind gesellschaftlich notwendige Arbeiten, die nicht unbezahlt auf den Rücken der Frauen abgewälzt werden dürfen.
Die Gesellschaft muss mit umfassenden öffentlichen Betreuungseinrichtungen ihrer Verantwortung Rechnung tragen. Auch andere Teile der Hausarbeit können gesellschaftlich organisiert werden. Zum Beispiel ist es nicht notwendig, dass alle Hauhalte für sich allein kochen oder Wäsche waschen. Hausarbeit muss gemeinschaftlich erledigt und von Männern und Frauen zu gleichen Teilen getragen werden. Kollektivverträge müssen gewährleisten, dass geleistete Arbeit von Männern und Frauen sich auch in gleicher Bezahlung niederschlägt.
Statt mehr Teilzeitbeschäftigung fordern wir eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Dadurch würden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, mit denen sich die Frauenerwerbsquote steigern lässt.

Die Familie darf nicht länger ein Ort sein, der zu Lasten der Frauen als „Keimzelle“ der Gesellschaft dient. Die Sozialistische Jugend tritt für eine Gesellschaft ein, die nicht von Einzelnen zu deren Nachteil getragen wird, sondern von allen Beteiligten in gleichen Maßen. Familie bedeutet für uns nicht notgedrungen „Mutter-Vater-Kind“. Familie muss eine frei gewählte Lebensgemeinschaft sein, nicht eine gesellschaftlich erzwungene Konstellation. Familie darf nicht bedeuten, der einen Hälfte alle Pflichten aufhalsen.


„Ob Kinder oder keine, bestimmen wir alleine“

Für Frauen ist die Entscheidung, Kinder zu bekommen ein gravierender Einschnitt in ihr Leben. Erst seit den 60er Jahren, als die „Pille“ entwickelt wurde und auf den Markt kam, können Frauen eine zuverlässige Geburtenplanung betreiben. Jahrhunderte davor waren Frauen ihrer biologischen Fähigkeit, Kinder zu gebären unterworfen und ihr Lebensentwurf war davon stark beeinflusst. Erst seit den 60er Jahren können Frauen ihre Sexualität leben, ohne Angst vor einer Schwangerschaft haben zu müssen.
Damit wurde ein Meilenstein in der Selbstbestimmung der Frau gelegt. Wir stehen für diese Selbstbestimmung ein und fordern umfassende Aufklärungskampagnen in Schulen und die Abgabe von Verhütungsmittel auf Krankenschein.

Einen weiteren Meilenstein hat die Frauenbewegung in den 70er Jahren erkämpft: das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Es wird immer ungewollte Schwangerschaft geben. Die Entscheidung, ob Frauen, in ihrer momentanen Lebenssituation Kinder bekommen können oder wollen, können sie nur selbst treffen.
Die Sozialistische Jugend tritt für das Recht auf Selbstbestimmung ein und erkennt das Recht auf Schwangerschaftsabbruch als einen ihrer Träger an. Schwangerschaftsabbruch ist Frauenrecht und hat im Strafgesetzbuch nichts verloren. Schwangerschaftsabbrüche müssen in allen öffentlichen Spitälern auf Krankenschein durchgeführt werden können und Frauen, die sich für einen Abbruch entschließen müssen vor fundamentalistischen AbtreibungsgegnerInnen geschützt werden.


Frauen sind keine Ware zum Verkauf!

Der Charakter der „Ware“, den Frauen in unserer Gesellschaft tragen, kommt am deutlichsten zum Tragen im System der Prostitution. Ein System, in dem Frauen gekauft und verkauft werden wie eine Ware. Gekauft wird nicht der Sex oder der Körper, wie viele es deuten mögen, gekauft wird die Frau, ihre Würde, sowie Macht und Bestimmung über sie.

Nach Drogen- und Waffenhandel ist Prostitution der drittgrößte Markt der Welt. Viele Menschen, zum allergrößten Teil Männer, machen damit gewaltige Umsätze. Prostitution ist untrennbar Verbunden mit Frauenhandel. Frauen werden unter Vortäuschung falscher Tatsachen in industrialisierte Länder gelockt. Dort werden ihnen die Papiere genommen und sie zur Prostitution gezwungen.

Die Sozialistische Jugend tritt für eine Gesellschaft ein, in der keine Menschen gezwungen sind, sich selbst über ihren Körper zu verkaufen. Wir erachten Prostitution als eines der widerlichsten Übel unserer Gesellschaft an. Der Kampf für eine gerechte Gesellschaft muss gleichzeitig ein Kampf gegen die Prostitution sein! Wer meint, Prostitution basiere auf der Freiwilligkeit der Frauen, verkennt die ökonomischen Zwänge unserer Gesellschaft völlig.

Solange Prostitution existiert, sind wir aber solidarisch mit den Prostituierten und fordern deren soziale Absicherung. Ein Verbot von Prostitution würde diese nicht abschaffen, sondern sie nur in die Illegalität drängen und Prostituierte wären so ihren Zuhältern und Freiern ohne Möglichkeit zur Hilfestellung oder Kontrolle durch öffentliche Einrichtungen ausgeliefert. Gesundheitsuntersuchungen und Behandlungen müssen frei zugänglich sein. Daneben muss es eine Reihe von Angeboten geben, die betroffenen Frauen die Chance auf einen Ausstieg geben. Es muss auch die Möglichkeit der gewerkschaftlichen Organisation von Prostituierten geschaffen werden.

Um Menschenhändlern auf die Spur zu kommen, müssen für die Opfer umfassende Beratungseinrichtungen und Institutionen, die sie auch während und nach einem allfälligen Prozess begleiten, geschaffen werden. Die Vorraussetzung für ein erfolgreiches Vorgehen gegen Menschenhandel ist aber die Legalisierung aller in Österreich lebenden MigrantInnen.
Kein Mensch ist illegal!


Gewalt gegen Frauen

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Gewalt gegen Frauen Tradition hat. Denn es ist eine von Männern dominierte Gesellschaft, in der die Frauen in der schwächeren Position sind. Rechtliche Benachteiligungen und ökonomische Abhängigkeit sind der Boden, auf dem Gewalt gedeiht. Die Gewalt, der Frauen in dieser Gesellschaft ausgesetzt sind, hat viele Facetten. Sie beginnt bei der schlechteren Bezahlung, bei den geringen Aufstiegschancen und den faktisch eingeschränkten politischen Mitsprachemöglichkeiten. Diese Ungleichheiten sind die Basis für die demütigendste Form der Diskriminierung von Frauen, der Gewalt gegen Körper und Psyche.

Diese Demütigung existiert auf der ganzen Welt. Keine Frau, unabhängig von Einkommen, Klasse, Kultur, Hautfarbe, oder Alter ist vor physischer, psychischer oder sexueller Gewalt sicher. Nach Angaben der Polizei wird in Österreich jede fünfte, in einer Beziehung lebende Frau, Opfer von Gewalt, jede zweite gibt an, in ihrem Bekanntenkreis von einer misshandelten Frau zu wissen. Viele Opfer werden von den Tätern so eingeschüchtert, dass sie es nicht wagen, von ihren Erlebnissen zu erzählen, geschweige denn sie anzuzeigen. Gesellschaftliche Sichtweisen, wie „sie hat es ja gewollt“ oder gar „provoziert“ verstärken diese Hilflosigkeit nur noch mehr.

Anhand der Zahlen lässt sich aber ableiten, dass es nicht um Einzelfälle geht, sondern dass Gewalt an Frauen ein gesellschaftliches Phänomen ist. Genau genommen ist es die häufigste Menschenrechtsverletzung der Welt.

Ursache dafür, dass Gewalt gegen Frauen so stark vorhanden ist, sind die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen. Erst die ungleiche Machtverteilung in Arbeitswelt, Politik, Wirtschaft und eben auch in zwischenmenschlichen Beziehungen bringen Frauen in eine solche Abhängigkeit, aus der heraus sie sich nicht zur Wehr setzen können. Gewalt gegen Frauen ist in keiner Situation zu rechtfertigen oder zu dulden.

Weil wir überzeugt sind, dass der Kampf für eine gerechte Gesellschaft und der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit Hand in Hand gehen müssen, wissen wir, dass wir überall dort gegen die Unterdrückung der Frauen eintreten, wo sie passiert.
Weil eine gerechte Welt ohne die Gleichberechtigung der Geschlechter keine gerechte Welt ist!


1 Kommentar:

  1. Zusammenfassung des Grundsatzprogramms der SJ Österreichs
    http://gkrejci.blogspot.co.at/2014/11/grundsatzprogramm-der-sj-osterreichs_81.html

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