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Sonntag, 29. März 2015

YANIS VAROUFAKIS - #5 Warum ein unorthodoxer Marxist?

Braucht es eine Austro-Syriza?

... interessant und nicht bloß eine Leseempfehlung, das ist eine Leseverpflichtung!
1 - Rettet den Kapitalismus!
2 - Unberechenbar im eigenen Marxismus
3 - Marx’ bemerkenswerte Analyse 
4 - Die Freiheit der Neoliberalen
5 - Warum ein unorthodoxer Marxist?
6 - Die Erkenntnis von Keynes
7 - Die Lektion von Margaret Thatcher
8 - Was sollten MarxistInnen tun?
9 - Bündnisse mit dem Teufel 
10 - Der pragmatische Marxist


Schützt das System vor sich selbst !

Warum ein unorthodoxer Marxist?


Was auch immer ich von der sozialen Welt zu verstehen glaube, verdanke ich weitgehend Karl Marx.
Jetzt möchte ich erklären, warum ich dennoch zornig auf ihn bin. Ich möchte erklären, warum ich bewusst ein unorthodoxer, eigenwilliger Marxist bin. Marx beging zwei grosse Irrtümer: einen, indem er etwas ausliess, und einen, den er aktiv betrieb.
Selbst heute beeinträchtigen diese beiden Irrtümer die Wirksamkeit der Linken, insbesondere in Europa.
Der erste Irrtum von Marx – die Auslassung – bestand darin, dass er zu wenig bedachte und darüber schwieg, welche Auswirkung seine eigene Theorie auf die Welt haben würde, über die er theoretisierte.

Seine Theorie ist diskursiv aussergewöhnlich kraftvoll, und Marx spürte ihre Kraft. Warum war er dann nicht darüber besorgt, dass seine SchülerInnen, Leute, die diese kraftvollen Ideen besser verstanden als normale ArbeiterInnen, die via Marx’ Ideen auf sie übertragene Kraft womöglich dazu benutzen könnten, andere Genossen auszunützen, ihre eigene Machtbasis aufzubauen und einflussreiche Positionen zu gewinnen oder etwa auch mit beeinflussbaren Studentinnen zu schlafen?
Marx sah auch eine andere Dialektik nie voraus. Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Schaffung eines ArbeiterInnenstaats – wie ursprünglich in der Sowjetunion – den Kapitalismus dazu bringen könnte, zivilisierter und sozialer zu werden, während der ArbeiterInnenstaat durch die Feindseligkeit der kapitalistischen Umgebung durch den Virus des Totalitarismus infiziert würde.

Der zweite Irrtum von Marx, den er meines Erachtens aktiv vorantrieb, war schlimmer. Es war seine Annahme, dass die Wahrheit über den Kapitalismus in den mathematischen Formeln seines Modells entdeckt werden könne (etwa mit den «Reproduktionsschemata» 2).

Das war das Schlimmste, was er seinem eigenen theoretischen System antun konnte. Der Mann, der uns die menschliche Freiheit als wichtigste ökonomische Kategorie nahebrachte, der Wissenschaftler, der der radikalen Unentschiedenheit ihren gebührenden Platz in der politischen Ökonomie einräumte: Das war derselbe, der schließlich mit vereinfachenden algebraischen Formeln herumspielte, in denen Arbeitseinheiten natürlich voll quantifiziert waren, und der dabei wider alle Vernunft hoffte, aus solchen Gleichungen zusätzliche Einsichten über den Kapitalismus zu gewinnen.

Nach seinem Tod vergeudeten marxistische ÖkonomInnen lange Karrieren damit, sich einem ähnlichen scholastischen Mechanismus hinzugeben. Versponnen in die sinnlose Debatte über das «Transformationsproblem»3 und was damit anzufangen sei, wurden sie allmählich zu einer beinahe aussterbenden Rasse, während der neoliberale Moloch jeden Widerspruch, der im Weg stand, zermalmte.
 - Wie konnte Karl Marx nur so verblendet sein?
 - Warum erkannte er nicht, dass keinem mathematischen Modell je die Wahrheit über den Kapitalismus entspringen kann, wie herausragend der Modellbauer auch sein mag?
 - Verfügte er nicht über die intellektuellen Werkzeuge, um zu erkennen, dass die kapitalistische Dynamik dem nicht quantifizierbaren Teil der menschlichen Arbeit entspringt, der also von einer Variablen abhängt, die niemals mathematisch genau bestimmt werden kann?
Natürlich verfügte er darüber, da er doch diese Werkzeuge geschmiedet hatte! Nein, der Grund für diesen Irrtum ist ein bisschen bedenklicher: Wie die vulgären Ökonomen, die er so brillant widerlegte (und die weiterhin die Wirtschaftsabteilungen an den Universitäten beherrschen), schätzte er die Macht, die ihm mathematische «Beweise» verliehen.
Falls ich richtig liege, wusste Marx, was er tat. Er verstand, oder besaß die Fähigkeit zu verstehen, dass eine umfassende Werttheorie nicht in den Rahmen eines mathematischen Modells eines wachsenden, dynamischen Kapitalismus eingepasst werden kann.
Er war sich zweifellos darüber bewusst, dass eine angemessene ökonomische Theorie Georg Wilhelm Friedrich Hegels Aussage anerkennen muss, «dass die Regeln des Unbestimmten gleichfalls unbestimmt sind».
In ökonomischen Begriffen bedeutet dies die Einsicht, dass die Marktmacht von KapitalistInnen, und entsprechend der Profit, nicht notwendig auf ihre Fähigkeit zu reduzieren ist, Arbeit aus ihren Angestellten zu pressen; dass einige KapitalistInnen aus einer gegebenen Masse an Arbeit oder aus einer gegebenen Masse an KonsumentInnen mehr herauspressen können als andere, und zwar aus Gründen, die jenseits von Marx’ eigener Theorie liegen.
Allerdings hätte diese Einsicht bedeutet anzuerkennen, dass seine «Gesetze» nicht unveränderlich sind. Marx hätte gegenüber konkurrenzierenden Stimmen und Richtungen in der Gewerkschaftsbewegung eingestehen müssen, dass seine Theorie unbestimmt ist und dass seine Erklärungen entsprechend nicht alleinig und eindeutig richtig sind, sondern dass sie ständig provisorisch waren.
Zuweilen merkte Marx, und gestand es auch ein, dass er zu deterministisch argumentierte. Als er mit dem dritten Band des «Kapitals» begann, erkannte er, dass selbst eine beschränkte Komplexität (indem man zum Beispiel unterschiedliche Kapitalausstattungen in verschiedenen Sektoren der Wirtschaft einräumte) sein Argument über den fixen Zusammenhang von Lohn, Preis und Profit widerlegte. Doch solche Probleme deckte er wieder dogmatisch zu.
Diese Entschlossenheit, über eine vollständige, geschlossene Geschichte oder ein Modell zu verfügen, das letzte Wort zu behalten, kann ich Marx nicht vergeben.
Denn sie erwies sich als verantwortlich für eine grosse Zahl von Irrtümern und bedeutsamer noch für Autoritarismus – Irrtümer und Autoritarismus, die weitgehend dafür verantwortlich sind, dass die gegenwärtige Linke so unfähig ist, eine Kraft für das Gute und ein Hindernis gegen den Missbrauch der Freiheit und der Vernunft zu sein, den die Neoliberalen heute vorantreiben.

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