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Freitag, 27. März 2015

YANIS VAROUFAKIS - #4 Die Freiheit der Neoliberalen

Braucht es eine Austro-Syriza?
... interessant und nicht bloß eine Leseempfehlung, das ist eine Leseverpflichtung!
1 - Rettet den Kapitalismus!
2 - Unberechenbar im eigenen Marxismus
3 - Marx’ bemerkenswerte Analyse 
4 - Die Freiheit der Neoliberalen
5 - Warum ein unorthodoxer Marxist?
6 - Die Erkenntnis von Keynes
7 - Die Lektion von Margaret Thatcher
8 - Was sollten MarxistInnen tun?
9 - Bündnisse mit dem Teufel 
10 - Der pragmatische Marxist


Schützt das System vor sich selbst !



In einer Zeit, in der die Neoliberalen die Mehrheit der Menschen mit ihren theoretischen Fangarmen umschliessen und beständig die Ideologie wiederholen, man müsse die Produktivität steigern, um die Wettbewerbs-fähigkeit zu verbessern, um so Wachstum zu schaffen …, in einer solchen Zeit bietet Marx’ Analyse ein kraftvolles Gegenmittel.

Das Kapital kann in seinem Kampf, Arbeit in eine unbeschränkt biegsame, mechanische Produktivkraft zu verwandeln, niemals gewinnen, ohne sich selbst zu zerstören.
Das ist es, was weder die Neoliberalen noch die Keynesianer je verstehen werden. 
«Wenn die ganze Klasse der Lohnarbeiter durch die Maschinerie vernichtet würde, wie schrecklich für das Kapital, das ohne Lohnarbeit aufhört, Kapital zu sein!», wie Marx schrieb.

Praktisch alle Denkschulen, auch progressive ÖkonomInnen, behaupten, dass heute, obwohl Marx eine eindrückliche Persönlichkeit gewesen sei, von seinen Erkenntnissen nichts mehr von Bedeutung sei. Ich bin da anderer Meinung. 

Neben der Tatsache, dass er das grundlegende Drama der kapitalistischen Dynamik begriffen hatte, vermittelte mir Marx auch die Werkzeuge, dank deren ich immun gegenüber der giftigen Propaganda der neoliberalen GegnerInnen wirklicher Freiheit und Vernunft geworden bin. Zum Beispiel erliegt man leicht der Vorstellung, dass Reichtum privat produziert und dann durch einen sozusagen illegalen Staat mittels Steuern enteignet wird. Dabei hat Marx schlagend gezeigt, dass gerade das Gegenteil zutrifft:
Reichtum wird gemeinschaftlich produziert und dann privat angeeignet, und zwar durch die sozialen Beziehungen der Produktion und der Eigentumsverhältnisse, die wiederum zu ihrer Aufrechterhaltung praktisch ausschliesslich auf einem falschen Bewusstsein beruhen. Gleiches gilt für das Konzept der «Autonomie», das so gut in unsere postmoderne Zeit zu passen scheint. Auch sie ist kollektiv produziert, durch die Dialektik der gegenseitigen Anerkennung, und wird dann privat angeeignet.

In seinem jüngsten Buch «Never Let a Serious Crisis Go to Waste. How Neoliberalism Survived the Financial Meltdown» hat der Historiker Philip Mirowski gezeigt, wie der Neoliberalismus eine Mehrheit der Leute überzeugen konnte, dass Märkte nicht nur ein nützliches Mittel zu einem bestimmten Zweck sind, sondern ein Zweck in sich selbst.

Gemäss dieser Auffassung können gemeinschaftliche Aktivitäten und öffentliche Institutionen es niemals «richtig machen», während die ungehinderten Tätigkeiten der dezentralisierten privaten Interessen nicht nur in säkularisierter göttlicher Vorsehung das richtige Resultat produzieren, sondern auch die richtigen Wünsche, Eigenschaften und sogar Ethiken.

Im 20. Jahrhundert haben sich zwei politische Bewegungen auf das marxsche Denken bezogen, nämlich die kommunistischen und die sozialdemokratischen Parteien. Beide – zusätzlich zu ihren anderen Fehlern (und Verbrechen) – versäumten es zu ihrem eigenen Schaden, Marx in einer zentralen Hinsicht zu folgen: Anstatt Freiheit und Vernunft als die zentralen Schlachtrufe und Konzepte zu übernehmen, entschieden sie sich für Gleichheit und Gerechtigkeit und überliessen so das Konzept der Freiheit letztlich den Neoliberalen.

Marx war unzweideutig: Das Hauptproblem des Kapitalismus besteht nicht darin, dass er ungerecht ist, sondern dass er unvernünftig ist, weil er regelmässig ganze Generationen der Entbehrung und der Arbeitslosigkeit überantwortet.
Er verwandelt sogar KapitalistInnen in angstbesetzte Automaten, weil sie ebenso von den Maschinen versklavt sind, die sie angeblich besitzen. Denn sie leben in ständiger Furcht, dass sie keine KapitalistInnen mehr wären, wenn sie ihre Mitmenschen nicht in Waren verwandelten, um die Kapitalakkumulation besser voranzutreiben.

Wenn also der Kapitalismus ungerecht erscheint, dann weil er alle versklavt, Arbeiter ebenso wie Kapitalistinnen; er verschleudert menschliche und natürliche Ressourcen. Dieselbe Produktionsweise, die aufsehenerregende Gadgets und unermesslichen Reichtum erzeugt, erzeugt zugleich tiefes Unglück und Krisen.

Weil die Sozialdemokratie und die Linke es nicht schafften, eine Kritik des Kapitalismus anhand der Begriffe Freiheit und Vernunft zu formulieren, wie es Marx für unabdingbar hielt, erlaubten sie den Neoliberalen im Allgemeinen, sich das Mäntelchen der Freiheit umzuhängen und im Streit der Ideologien einen bemerkenswerten Sieg zu erringen.

Vielleicht die bedeutsamste Dimension dieses neoliberalen Siegs besteht in dem, was «demokratisches Defizit» genannt wird. Ganze Ströme von Krokodilstränen sind in den letzten drei Jahrzehnten der Aufwertung der Finanzmärkte und der Globalisierung über den Verfall unserer grossen Demokratie vergossen worden.
Marx hätte lang und laut über jene gelacht, die über dieses demokratische Defizit erstaunt oder empört sind.

Was war das grosse Ziel des Liberalismus im 19. Jahrhundert?
Es bestand darin, wie Marx nie müde wurde zu betonen, die ökonomische von der politischen Sphäre zu trennen und die Politik auf Letztere zu beschränken, während die ökonomische Sphäre dem Kapital vorbehalten blieb.

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