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Donnerstag, 26. März 2015

YANIS VAROUFAKIS - #2 Unberechenbar im eigenen Marxismus

YANIS VAROUFAKIS - #2  Unberechenbar im eigenen Marxismus

Braucht es eine Austro-Syriza?
... interessant und nicht bloß eine Leseempfehlung, das ist eine Leseverpflichtung!

  1 - Rettet den Kapitalismus!
  2 - Unberechenbar im eigenen Marxismus
  3 - Marx’ bemerkenswerte Analyse
  4 - Die Freiheit der Neoliberalen
  5 - Warum ein unorthodoxer Marxist?
  6 - Die Erkenntnis von Keynes
  7 - Die Lektion von Margaret Thatcher
  8 - Was sollten MarxistInnen tun?
  9 - Bündnisse mit dem Teufel
10 - Der pragmatische Marxist


Schützt das System vor sich selbst !


 Unberechenbar im eigenen Marxismus

Vor diesem Hintergrund mögen Sie vielleicht überrascht sein, wenn ich mich als Marxist oute. Tatsächlich hat Karl Marx meine Sicht auf die Welt geprägt, und zwar seit meiner Kindheit bis heute.
Darüber spreche ich nicht allzu oft freiwillig in der guten Gesellschaft, weil bei der blossen Erwähnung des M-Worts zumeist abgeschaltet wird. Aber ich verleugne es auch nicht.

Nachdem ich einige Jahre vor einem Publikum referierte, dessen Ideologie ich nicht teile, ist in mir das Bedürfnis gewachsen, offen über den Einfluss von Marx auf mein Denken zu sprechen. Und zu erklären, warum ich, obwohl ich ein dezidierter Marxist bin, es wichtig finde, seiner Theorie in bestimmten Fragen entschieden zu widersprechen. Das heisst mit anderen Worten, im eigenen Marxismus unorthodox und unberechenbar zu sein.

Ein radikaler Gesellschaftstheoretiker kann, so glaube ich, den wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream auf zweierlei Arten herausfordern: einerseits durch eine eingegrenzte Kritik, indem er die Axiome des Mainstreams akzeptiert und dann dessen interne Widersprüche aufdeckt, indem er sagt:
«Ich werde eure Annahmen nicht bestreiten, aber dies sind die Gründe, warum eure eigenen Schlussfolgerungen nicht logisch daraus hervorgehen.»
So hat Marx die britische politische Ökonomie untergraben.
Er akzeptierte jedes Axiom von Adam Smith und David Ricardo, um zu zeigen, dass im Rahmen ihrer Annahmen der Kapitalismus ein widersprüchliches System war. Andererseits kann ein radikaler Theoretiker natürlich eine alternative Theorie konstruieren in der Hoffnung, dass sie ernst genommen wird.
Bezüglich dieses Dilemmas war ich immer der Meinung, dass die herrschenden Kräfte niemals durch Theorien gestört werden, die von anderen Annahmen als ihren eigenen ausgehen. Kein etablierter Ökonom wird sich heute mit marxistischen oder auch nur neoricardianischen *) Theorien auseinandersetzen.
Man kann den Mainstream neoklassischer ÖkonomInnen nur herausfordern, wenn man die internen Widersprüchlichkeiten seines eigenen Modells zeigt.
Aus diesem Grund hatte ich mich von Beginn an entschieden, in die «Gedärme» der neoklassischen Theorie einzutauchen und praktisch keine Energie darauf zu verschwenden, ein alternatives, marxistisches Modell des Kapitalismus zu entwickeln. Meine Gründe dafür waren, behaupte ich, durchaus marxistisch.
Doch wenn ich die Welt, in der wir leben, kommentieren sollte – und zwar im Gegensatz zur herrschenden Ideologie, wie die Welt funktionieren sollte –, gab es für mich keine andere Möglichkeit, als auf die marxistische Tradition zurückzugreifen, die mein Denken geprägt hat: und dies seit jenen Tagen, als mein Vater, der Metallurg war, mir als Kind die Auswirkungen technischer Innovationen auf historische Prozesse veranschaulichte.
Wie zum Beispiel der Übergang vom Bronze- zum Eisenzeitalter die historische Entwicklung verändert hatte; wie die Entdeckung der Stahlherstellung die historische Zeit um den Faktor zehn beschleunigt hat und wie die auf Silizium basierenden IT-Technologien sozioökonomische und historische Brüche vorantreiben.
Diese Einsicht in den ständigen Triumph der menschlichen Vernunft über unsere technischen Mittel und die Natur – ein Triumph, der immer auch dazu dient, die Rückständigkeit unserer sozialen Beziehungen und Institutionen sichtbar zu machen – verdanke ich Marx.
Den Schriften von Marx begegnete ich relativ früh als Folge der seltsamen Zeiten, in denen ich aufwuchs, als Griechenland versuchte, dem Albtraum der neofaschistischen Diktatur zwischen 1967 und 1974 zu entrinnen.
Was mich beeindruckte, war Marx’ unübertreffliche, überzeugende Gabe, ein dramatisches Drehbuch für die menschliche Geschichte zu schreiben, ja für die menschliche Verdammnis, die durchwirkt war von der Möglichkeit der Erlösung und wirklicher Spiritualität.
Marx schuf eine Erzählung, die von Arbeitern, Kapitalisten, Beamten und Wissenschaftlern bevölkert war – dramatische Figuren, die um Vernunft und Wissenschaft im Rahmen einer sich selbst ermächtigenden Menschheit kämpften, während sie, entgegen ihren Absichten, dämonische Kräfte entfesselten, die ihre eigene Freiheit und Menschlichkeit überwältigten und unterdrückten. Es war ein Zusammentreffen von Dr. Faust und Dr. Frankenstein mit Adam Smith und David Ricardo.
Diese dialektische Perspektive, in der alles mit seinem Gegenteil schwanger geht, sowie das scharfe Auge, mit dem Marx die Möglichkeiten für Veränderungen in den unveränderlich scheinenden sozialen Strukturen entdeckte, halfen mir, die grossen Widersprüche der kapitalistischen Epoche zu begreifen.
Sie lösten das Paradox eines Zeitalters auf, das den bemerkenswertesten Reichtum und im gleichen Zug unübersehbare Armut produzierte. Angesichts der europäischen Krise, der Verwertungskrise in den USA und der lang andauernden Stagnation des japanischen Kapitalismus verkennen die meisten KommentatorInnen den dialektischen Prozess unter ihrer Nase.
Sie erkennen den Schuldenberg und die Verluste der Banken, aber vernachlässigen die Kehrseite der Medaille:
den Berg brachliegender Ersparnisse, die aus Angst «eingefroren» sind und nicht in produktive Investitionen verwandelt werden. Eine marxistische Einsicht in Polaritäten hätte ihnen die Augen öffnen können.
Ein Hauptgrund, warum die herrschende Meinung mit der gegenwärtigen Realität nicht zurechtkommt, besteht darin, dass sie niemals die dialektisch enge «verbundene Produktion» von Schulden und Kapitalüberschuss, von Wachstum und Arbeitslosigkeit, von Armut und Reichtum, von Spiritualität und Verdorbenheit und tatsächlich von Gut und Böse, von neuen Perspektiven des Vergnügens und neuen Formen der Sklaverei, von Freiheit und Versklavung begriffen hat.
Das Drehbuch von Marx wies uns auf diese Polaritäten als Quellen der Listen der Geschichte hin.
Seit ich als Ökonom zu denken begonnen habe, meine ich, dass Marx eine Entdeckung gemacht hat, die im Herzen jeder sinnvollen Analyse des Kapitalismus bleiben muss, und zwar die Entdeckung einer weiteren Polarität innerhalb der menschlichen Arbeit, zwischen den beiden verschiedenen «Naturen» der Arbeit:
 - erstens Arbeit als eine wertschöpfende Aktivität (die «formgebende Tätigkeit» durch das «Feuer der Arbeit», wie Marx sagt), die niemals im Voraus quantifiziert werden kann (und deshalb nicht in eine Ware umgewandelt werden kann), und
 - zweitens Arbeit als Quantität (das heisst verausgabte Arbeitsstunden), die käuflich und mit einem bestimmten Preis versehen ist.

Was Arbeit von anderen produktiven Energieausstössen wie zum Beispiel Elektrizität unterscheidet, ist ihre doppelte, widersprüchliche Natur. Diese Differenzierung qua Widerspruch hat die politische Ökonomie vor Marx nicht gemacht, und die heutige herrschende Ökonomie weigert sich hartnäckig, sie anzuerkennen.


*) Die neoricardianische Schule ist eine wirtschaftswissenschaftliche Schule, welche sich in der Tradition des britischen Ökonomen David Ricardo sieht und sich auf die Werke von Piero Sraffa stützt, insbesondere sein Warenproduktion mittels Waren.
Als Neoricardianer gelten z. B. Pierangelo Garegnani und Bertram Schefold.

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