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Freitag, 17. April 2015

Stefan Wirlandner - Rückkehr aus dem Exil

Stefan Wirlandner kehrte Anfang Mai 1945 als erster Sozialist und Gewerkschafter aus dem Exil zurück. Ein Auszug aus seinen bisher unveröffentlichten Erinnerungen.

http://www.arbeit-wirtschaft.at/servlet/ContentServer?pagename=X03%2FPage%2FIndex&n=X03_0.a&cid=1426089918352



Stefan Wirlandner (1905–1981) war einer der renommiertesten und einflussreichsten WirtschaftsexpertInnen der ArbeiterInnenbewegung in der Zweiten Republik. Ab Juni 1945 war er maßgeblich am Aufbau der Arbeiterkammer Wien beteiligt, wurde schließlich ihr stellvertretender Direktor und später Vizedirektor der Österreichischen Nationalbank. Wirlandner stammte aus einer Wiener Arbeiterfamilie, im Jahr 1934 hatte er auf Druck der Austrofaschisten seine Stellung in der Wiener Arbeiterkammer verloren, im Jahr 1938 war er einer der führenden illegalen Gewerkschafter, die nach England flüchteten. 


Im Exil beschäftigte sich Wirlandner zeitweise intensiv mit Fragen sozialistischer Wirtschafts- und Finanzpolitik im Nachkriegseuropa. Er sog die Lehren von Keynes auf und lernte das Wohlfahrtsstaatskonzept der Labour Party kennen. Viel davon transferierte er nach Österreich. Er wurde hier – wie einige andere Remigranten, etwa Kurt W. Rothschild – zu einem der einflussreichsten Verkünder des Keynesianismus. 

Wirlandner war wohl einer der aktivsten Österreicher im Exil-Widerstand. Ab 1943 leitete er eine Gruppe von österreichischen Exil-Sozialisten innerhalb des britischen Kriegsgeheimdienstes Special Operations Executive (SOE), der u. a. der Sozialwissenschafter Theo Neumann, der Journalist Walter Hacker und der Gewerkschafter Hans Hladnik angehörten. Diese versuchte von Istanbul, der Schweiz und Italien aus Kontakte zu GenossInnen in Österreich herzustellen 1).
Anfang Mai 1945 kehrte Wirlandner als erster Sozialist und Gewerkschafter aus dem Exil nach Österreich zurück. Durch seine frühe Rückkehr konnte er bereits an der Gründungsphase der AK und des ÖGB mitwirken. Als Vermittler zu den westlichen Alliierten machte sich Wirlandner in dieser Zeit unverzichtbar, in der SPÖ jedoch fand er keinen ausreichenden Rückhalt für die von ihm angestrebte politische Karriere. Es blieb ihm die ExpertInnenebene: Er verhandelte für die Arbeiterkammer zunächst die fünf Lohn- und Preisabkommen (1947–1951) und stellte schließlich die Weichen für eine koordinierte Lohn- und Preispolitik im Rahmen der Paritätischen Kommission, des Kernelements der österreichischen Sozialpartnerschaft. 
Stefan Wirlandner hat über sein vielfältiges Engagement im Exil und über seine Rückkehr zu Lebzeiten kaum erzählt. Um einen authentischen Eindruck zu vermitteln, wird im Folgenden erstmals ein Auszug aus seinen unveröffentlichten Erinnerungen vorgestellt, die in seinem privaten Nachlass enthalten sind. 

Der Textauszug setzt mit der Ankunft in Wien Anfang Juni 1945 ein:
(...) In den Jahren der „Emigration“ hatte ich oft das Problem gewälzt, wie man mich als Emigranten nach der Rückkehr aus dem „Westen“ in der Partei wieder aufnehmen würde. Meine Befürchtungen, daß es dabei Hemmungen geben könnte, erwiesen sich als unbegründet; man hatte zu mir Vertrauen (...). Nun mußte ich versuchen, in sogenannte „geregelte Bahnen“ zu kommen. Natürlich bot sich die Idee an, dort fortzusetzen, wo ich im März 1934 aufgehört hatte. (...) Ich begann mich also um die Arbeiterkammer zu kümmern, und mit (Josef) Staribacher, dessen Bekanntschaft ich über Bruno Pittermann gemacht hatte, begab ich mich in das alte Kammergebäude in der Ebendorferstraße 7, um uns einmal klar zu werden, wie die Wiederbelebung dieser Institution in die Wege zu leiten wäre. Pittermann war dabei sehr rührig und der zusammengetrommelte Restbestand des früheren Kammervorstandes betraute ihn mit der Funktion des Ersten Sekretärs. Arbeitsrechtler fanden sich, die sich um den Aufbau der sogenannten Rechtsabteilung, der sozialrechtlichen Abteilung bemühten, während ich mit Staribacher es übernahm, die Volkswirtschaftliche und Statistische Abteilung wieder auf die Beine zu stellen. Die erste Arbeit bestand allerdings darin, mit Hilfe einiger anderer williger Genossen, das Haus zu säubern, das zuletzt irgendeiner Kommandoeinheit der deutschen Luftwaffe als Quartier gedient hatte. (...)

Im Juni waren die Voraustruppen der britischen, französischen und amerikanischen Streitkräfte in Wien eingetroffen. Walter Hacker, Theo Neumann und ich gehörten unserem Status nach dem britischen Besatzungskorps an, und wir nahmen für uns in Anspruch, die ersten Angehörigen der westlichen Alliierten in Wien gewesen zu sein. (...) Für mich blieb bis zum Dezember 1945 manches offen. Ich hatte mich, ohne auf Formalitäten Rücksicht zu nehmen, vom britischen Armeeverband losgelöst, agierte selbstständig, stand dem ÖGB unter anderem auch als Dolmetscher zur Verfügung (...) und hatte mir schließlich im Kammergebäude selbst ein kleines Zimmer so ausgestattet, daß ich dort notdürftig leben konnte. (...)

Ich hatte hinter mir nichts als die Ausbildung in der Arbeiterhochschule, meine etwa siebenjährige Berufstätigkeit in der Statistischen Abteilung der Wiener Arbeiterkammer, meine Prüfungszeugnisse aus dem Ausbildungskurs der Hochschule für Welthandel (Buchprüfer) und recht gute Kenntnisse der Keynes’schen Lehre und jener Gruppe anerkannter Professoren, die sich zum Keynesianismus bekannten. Das konnte für eine Karriere in der Kammer ausreichen, musste es aber nicht. (...)
Wenige Wochen später waren die Vorbereitungen weit genug gediehen, um die Volkswirtschaftliche und Statistische Abteilung der Arbeiterkammer offiziell zu etablieren. Ich wurde zum Abteilungsleiter ernannt. Staribacher teilte sich mit mir die Arbeit. Von da ab gelang es mir, in einem immer stärkeren Maße die Position der Kammer und damit natürlich auch unsere eigene zu festigen. Die ersten wirtschaftlichen Orientierungsgespräche fanden statt zwischen der Leitung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes und der Arbeiterkammer und den Alliierten, insbesondere den amerikanischen Stellen auf der einen Seite und den neu entstehenden Organisationen der Arbeitgeber (Industriellenvereinigung, Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft) auf der anderen Seite.
Durch mein Verhalten in der Zeit nach dem Februar 1934 hatte ich mir das uneingeschränkte Vertrauen der Gewerkschaftsführer, insbesondere des Genossen (Johann) Böhm gesichert. Meine Englischkenntnisse waren gut genug, um als Verbindungsmann zwischen den Arbeitnehmerorganisationen und den maßgeblichen britischen und amerikanischen Stellen zu fungieren. Von dieser Seite wurde ich aber wieder deshalb rückhaltlos akzeptiert, weil ich als Angehöriger der britischen Armee meine Einsatzbereitwilligkeit gegen das nazistische Regime unter Beweis gestellt habe. Ich konnte also auf beiden Seiten vermittelnd und erklärend wirken.
Natürlich waren die Beamten in den verschiedenen Ministerien bestrebt, dort wieder zu beginnen, wo sie 1934 aufgehört hatten. Ich schreckte nicht davor zurück, diesen Personengruppen klar zu machen, dass von nun ab mit der Existenz einer sehr einflussreichen wirtschaftlichen und politischen Vertretung der Arbeitnehmer gerechnet werden muß.

Die Karriere eines Abgeordneten blieb mir (...) versagt (...). Ich war enttäuscht, als ich diesen Durchfall zur Kenntnis nehmen mußte, hatte mich aber sehr rasch auf die Stellung eines Experten zurückgezogen, hatte dabei einiges Ansehen gewonnen, wurde einer ökonomischen Arbeitsgruppe zugezogen, die sich aus den zuständigen sozialistischen Ressortministerien, den Sprechern des Abgeordnetenklubs und einigen anderen Fachleuten zusammensetzte, und hatte damit auch die Zuziehung zu Klausurtagungen durchgesetzt.

Beruflich konnte ich meine Stellung in den folgenden Jahren festigen und ausbauen. Im Juni des Jahres 1948 wurde ich durch die Bundesregierung in die Kreditlenkungskommission berufen, einige Monate später in den Generalrat der Notenbank. Nun kam mir das Studium der Geld- und Kreditpolitik, das ich nach dem Verlassen der Arbeiterhochschule als „Hobby“ aufgenommen hatte und das ich [...] bis 1938 in Wien und später auch in der Emigration, sobald sich dazu Gelegenheit fand, fortgesetzt hatte, sehr zustatten. Im Jahr 1952 begann ich in der Arbeiterkammer mit dem Aufbau einer Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung.“


Der Text zeigt anschaulich, mit welch zwiespältigen Gefühlen der Vertriebene aus dem Exil zurückkehrte, aber auch welche Enttäuschungen er erlebte: sprich welche Grenzen seinem Engagement gesetzt wurden und mit welchem Enthusiasmus und welcher Tatkraft er dennoch an die politische Arbeit heranging. Der Autor dankt Susanne Wirlandner für die Erlaubnis, den Textauszug zu veröffentlichen.


Internet: Weiterführende Literatur:
www.peterpirker.at
Schreiben Sie Ihre Meinungan den Autor
peter.pirker@univie.ac.at
oder die Redaktion
aw@oegb.at


1) Peter Pirker (2009). „Whirlwind“ in Istanbul. Geheimdienste und Exil-Widerstand am Beispiel Stefan Wirlandner.
In: DÖW-Jahrbuch 2009 –tinyurl.com/n9cbsy2



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