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Donnerstag, 9. April 2015

YANIS VAROUFAKIS - #9 - Bündnisse mit dem Teufel

Braucht es eine Austro-Syriza?
... interessant und nicht bloß eine Leseempfehlung, das ist eine Leseverpflichtung!

1 - Rettet den Kapitalismus!
2 - Unberechenbar im eigenen Marxismus
3 - Marx’ bemerkenswerte Analyse
4 - Die Freiheit der Neoliberalen
5 - Warum ein unorthodoxer Marxist?
6 - Die Erkenntnis von Keynes
7 - Die Lektion von Margaret Thatcher
8 - Was sollten MarxistInnen tun?
9 - Bündnisse mit dem Teufel
10 - Der pragmatische Marxist


Bündnisse mit dem Teufel

Mein zweites Geständnis ist sehr persönlich: Ich weiss, dass ich riskiere, heimlich die Trauer zu lindern, die mich erfasst, da ich jede Hoffnung auf die Überwindung des Kapitalismus in meiner Lebenszeit aufgebe, und zwar indem ich das Gefühl züchte, akzeptabel für die gute Gesellschaft zu werden.

Das Gefühl der Selbstzufriedenheit, von den Einflussreichen umhegt zu werden, ist gelegentlich in mir aufgestiegen. Und welch ein unradikales, hässliches, korrumpierendes und zerstörerisches Gefühl war es!

Meinen persönlichen Tiefpunkt erlebte ich in einem Flughafen. Irgendeine reiche Institution hatte mich eingeladen, an einer Tagung den Hauptvortrag über die europäische Krise zu halten, und eine wahnwitzige Summe aufgeworfen, um mich erster Klasse einfliegen zu lassen.

Auf dem Rückweg, erschöpft nach mehreren Flügen, schritt ich der langen Reihe der Passagiere der Economy Class entlang, um zum Gate zu gehen. Plötzlich bemerkte ich mit Schrecken, wie einfach in mir das Gefühl aufkam, berechtigt zu sein, die Masse zu überholen.
Ich merkte, wie einfach ich das vergessen konnte, was mein linker Verstand immer gewusst hatte: dass sich nichts besser bestätigt als ein falsches Gefühl der Berechtigung.

Allianzen mit reaktionären Kräften zu bilden, wie wir es meines Erachtens tun sollten, um Europa heute zu stabilisieren, führt uns in Versuchung, vereinnahmt zu werden, unseren Radikalismus durch den warmen Schein des Gefühls aufzuheben, in den Korridoren der Macht angekommen zu sein.


Ein radikales Bekenntnis, wie ich es hier zu schreiben versucht habe, ist vielleicht das einzige programmatische Gegenmittel zu ideologischen Rutschpartien, die uns zu Rädchen in der Maschine zu machen drohen.

Falls wir Bündnisse mit dem Teufel eingehen (zum Beispiel mit dem Internationalen Währungsfonds, mit Neoliberalen, die sich immerhin dem entgegensetzen, was ich «Bankruptokratie» nennen würde), müssen wir verhindern, so zu werden wie jene SozialistInnen, die die Welt nicht zu verändern vermochten, aber dabei ihre eigenen Lebensumstände verbessern konnten.
Wir müssen den revolutionären Maximalismus vermeiden, der letztlich den Neoliberalen hilft, jeden Widerstand gegen ihre selbstzerstörerische Gemeinheit zu umgehen, und wir müssen uns der inhärenten Hässlichkeit des Kapitalismus bewusst bleiben, während wir, aus strategischen Gründen, versuchen, ihn vor sich selbst zu retten.

Radikale Bekenntnisse mögen dabei helfen, dieses schwierige Gleichgewicht zu finden. Schliesslich ist der marxistische Humanismus ein ständiger Kampf gegen das, was wir werden.


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