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Freitag, 6. April 2012

Hofräte der Revolution

Posted: 05 Apr 2012 12:25 AM PDT

SPÖ-Urvater Victor Adler und Kommunistenlegende Friedrich Engels, waren eifrig schreibende Brieffreunde. Jetzt wurde ihre Korrespondenz veröffentlicht.

Falter, 4. April 2010

Es hat eine abenteuerliche Odyssee hinter sich und seit 1959 ruhte es im Wiener „Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung" - das Papierbündel mit dem Briefwechsel zwischen Victor Adler und Friedrich Engels. Aber jetzt wurde die Korrespondenz zwischen dem legendären Gründer der österreichischen Sozialdemokratie und Friedrich Engels, Marx-Freund und quasi Vize-Gottheit der internationalen Linken, erstmals umfassend veröffentlicht.

Der Briefwechsel hat es in sich.
Linksradikale Phrasenredner, die in Engels einen der Säulenheiligen kompromissloser Revolutioniererei sehen, werden mit dem Engels, der sich in diesen Briefwechseln zu erkennen gibt, keine große Freude haben. Gemeinsam mokieren sich der Pragmatiker Adler und der alte Engels über den linksradikalen „Rausch der Phrasen", Engels lobte Adlers Strategie des „Schritt vor Schritt", und als die Parteilinke im Wahlrechtsstreit für den revolutionären Generalstreik plädierte, gelang es Adler, die „revolutionäre Aktion" auf den Sanktnimmerleinstag zu verschieben, worauf Engels schrieb: „Zu der Art wie Du den Generalstrike in den Schlummer gewiegt hast gratuliere ich Dir..." Engels wiederum hielt der linken Opposition immerhin zugute, sie verhindere, dass die Partei in Spießigkeit versumpfe: „Die Opposition von links müßte erfunden werden, wenn man sie nicht hätte; nur würde man sie um eine Nuance gescheiter u anständiger erfinden."

Es zeigt sich hier in der schönsten Offenheit, was Eingeweihte schon ahnen konnten: Dass es Engels selbst war, der in seinen letzten Lebensjahren sachte jenen sozialdemokratischen „Revisionismus" begründete, der Reform vor Revolution stellte und später dann von Theoretikern wie Eduard Bernstein theoretisch begründet wurde.


Engels starb im Sommer 1895 an Kehlkopfkrebs und der Doktor Adler verbrachte noch zwei Wochen an seinem Sterbebett - als persönlicher und ärztlicher Sterbebegleiter.

Adler verfügte, schreibt Wolfgang Maderthaner, dessen „Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung" den Band herausbrachte, „über Ironie und eine unnachahmliche Fähigkeit zum Kompromiss". Die Freundschaft mit dem legendären Revolutionshaudegen Engels muss für ihn eine Art Ritterschlag gewesen sein.


Wir sind heute von all dem durch einen Graben der Jahrhunderte getrennt, und doch blitzt in diesen Notaten immer wieder etwas auf, was auch uns verdammt bekannt vor kommt:
Die Spannung zwischen „reiner Lehre" und „kleinen Schritten", zwischen scharfem Antikapitalismus und Reform, zwischen Phrasendrescherei und Pragmatismus. ‚
Gäbs die scharfen Linken nicht, man müsste sie glatt erfinden, nur gescheiter' - wer würde sich das, so wie Adler, nicht auch heute jeden Tag denken?

Victor Adler, Friedrich Engels: Briefwechsel. Herausgegeben von Gerd Callesen und Wolfgang Maderthaner. Akademie Verlag, Berlin, 2011, 267 Seiten, 102,60.- Euro


Quelle: misik.at

1 Kommentar:

  1. siehe auch:
    http://bilgungwissen.blogspot.com/2012/03/victor-adler-friedrich-engels.html

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